Diskurs, Konflikte und das Modell
Wir können das in einem 1:1 Gespräch oder in Gruppen nutzen. Wenn wir beschließen und durchsetzen, dass möglichst nur die oberste Argumentationsformen zu nutzen sind und alle unteren Stufen unterbunden werden, dann schaffen wir es in den meisten Fällen auch, Eskalationen zu vermeiden. Und vor allem werden Diskussionen versachlicht und effektiver, weil es um das Essentielle geht und nicht um ablenkende Themen und zeitfressende Konflikte (Eskalation, aber auch Moderation, Schlichtung usw.).
Wenn Sie also in einen Konflikt geraten, können Sie die schädlichen Ebenen bewusst ansprechen und vorschlagen, die sinnvollen Stufen zu nutzen. Bestehen Sie auf eine sinnhafte und respektvolle Argumentation.
Wenn Sie dies mit den Prinzipien des Harvard-Modells kombinieren – also Problem und Mensch trennen, Ziele statt Positionen in den Mittelpunkt stellen, in Lösungsoptionen denken und klare Kriterien für diese Lösungen anwenden –, besteht eine gute Chance, dass auch bei stark unterschiedlichen Meinungen gut kommuniziert wird.
Dieses Modell ist auch sehr gut zur Reglementierung in Foren und Social Media geeignet. Es eignet sich auch für Situationen, in denen es Parteien in der Kommunikation gibt, die bewusst eskalieren. Dazu erfahren Sie mehr im Kapitel „Bewusste Eskalation und wie Sie dagegen vorgehen“.
Mit dem Modell konstruktiver Diskursführung kann zielführende Kommunikation sogar dann stattfinden, wenn eine hohe Eskalationsstufe erreicht ist, in der laut Glasl eine Rückführung des Konflikts kaum mehr möglich ist (siehe Modelle für Eskalation und Deeskalation nutzen).
Neben den schadhaften Kommunikationsmethoden gibt es natürlich auch andere destruktive Verhaltensmöglichkeiten, zum Beispiel Themen aussitzen, blockieren, sabotieren. Diese kommen in diesem Modell nicht vor, was seinem Zweck entspricht. Aber es ist wichtig, sich dessen bewusst zu sein.
Ein Maskieren von eigentlichen Konfliktursachen (z.B. persönliche Differenzen) durch vorgeschobene Sachargumente ist ein Grenzfall, der aber auch weitgehend durch das Modell abgefangen wird (beispielsweise Überhöhung der Bedeutung von Unwichtigem).
Beispiele von schadhafter Konflikt-Kommunikation
Aus einem Online Forum:
- User A: „Du hast ja keine Ahnung, du bist einfach zu dumm, um das Thema zu verstehen.“(Stufe: persönlicher Angriff, Beleidigung)
- User B: „Das magst du so sehen. Mir geht es aber nicht um meine Person, sondern um den Punkt: Welche Daten zeigen wirklich einen Rückgang?“(Stufe: Widerlegung des Arguments)
- User A: „Na gut, ich meinte die Zahlen aus der OECD-Studie.“
Oft ist das Gegenüber nicht gleich so einsichtig. Ein Moderator könnte in so einem Fall aber User A ermahnen oder wenn so etwas wiederholt passiert, solche Posts gleich löschen. Diese Beiträge tragen nichts zur Sachdiskussion bei, schädigen die Emotionslage und kosten den Mitlesenden unnötig Zeit.
In diesem Beispiel ignoriert User B den Angriff auf die Person und bringt das Gespräch gezielt zurück zur Sachebene. Damit „steigt“ er auf der Disagreement-Leiter ein paar Stufen höher – vom Angriff → zur Auseinandersetzung mit den Argumenten. Wenn alle so agieren, findet keine Eskalation statt.
Aus Social Media:
- Post: „Wir sollten über Maßnahmen gegen Plastikmüll sprechen – die Ozeane sind voller Abfall.“
- Kommentar 1: „Und was ist mit all dem Elektroschrott? Warum redet ihr nie darüber? Und letztes Jahr habt Ihr noch das Thema Feinstaub gehabt und auch nichts zustande gebracht.“ (→ Whataboutism)
- Kommentar 2: „Ihr macht das doch nur, um euch moralisch überlegen zu fühlen oder weil Euch die Recycling-Lobby bezahlt.“(→ Unterstellung niederer Motive, Unbelegte & falsche Behauptungen)
- Antwort: „Beides sind wichtige Themen. In diesem Thread möchte ich beim Plastik und in der Gegenwart bleiben – welche konkreten Schritte wären aus deiner Sicht sinnvoll?“
Hier wird der Versuch unternommen, die Diskussion auf Nebenthemen oder persönliche niedere Motive abzulenken. Wer die Sache klar benennt und beim Thema hält, steigt eine Stufe auf der Disagreement-Leiter – zurück zur sachlichen Auseinandersetzung.
Leider gibt es so einige Teilnehmer an solchen Diskussionen, bei denen Versachlichungsversuche nicht funktionieren. Gerade diese Uneinsichtigen bestimmen dann schnell die Kommunikation und das Klima, wenn eine Moderation nicht eingreift. Daher ist es wichtig, dass die „Stufen der Argumentationsmethoden“ auch bindend sind und Konsequenzen mit Verstößen verbunden sind.